Das BJJ-Dilemma im MMA

Roberto Cyborg Abreu vs Brendan Schaub

Zu Beginn der 1990er Jahre entwickelte der Werbefachmann Art Davie zusammen mit Rorion Gracie das Konzept eines Acht-Mann-KO-Turniers, welches später unter dem Namen Ultimate Fighting Championship in die Geschichte einging. Die Grundidee war es verschiedene Kampfsportarten gegeneinander antreten zu lassen. Die faszinierende Frage dabei: welcher Stile würde sich als Königsweg erweisen? Welche Techniken die ultimative Waffe in einer Auseinandersetzung sein? Als Royce Gracie in seinen ersten Kämpfen das Feld dominierte entstand der Eindruck; wenn man sich einmal mit einem BJJ Kämpfer auf den Boden begeben hat, ist man den überlegenen Techniken schonungslos ausgeliefert. Der Name des dominanten all umfassenden Systems trug fortan den Namen – Gracie Jiu-Jitsu.

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In den folgenden Jahren entstand eine stetig wachsende Nachfrage, BJJ entwickelte sich in den U.S.A zu einer beliebten Sportart. Das Training für einen MMA Kampf wurde zeitweilig mit den Fähigkeiten des BJJ gleichgesetzt. Über die Jahre entwickelte sich eine regelrechte Subkultur um das Grappling, dieser Entwicklung entsprechend erhöhte sich das Wettbewerbsniveau sprunghaft. Heute zeigen Sportler auf ADCC Veranstaltungen Techniken, die für ihre  Vorgängergeneration wohl nur in der Vorstellung möglich waren.

Schenkt man der Geschichte glauben so wurde Jiu-Jitsu ursprünglich für kleine schmale Individuen entwickelt, um sich durch Wissen über Technik und Hebelwirkung gegen größere, stärkere Aggressoren durchzusetzen. Der Begründer des Gracie Jiu-Jitsu, Helio Gracie folgte ebenfalls diesem Vorbild. Das wesentliche Merkmal seines Stiles war es sich aus der Rückenposition verteidigen zu können, auch und besonders als physisch schwächerer Kämpfer.

In seinem Kampf gegen Waldemar Santana  verbrachte er die meiste Zeit in der bevorzugten Position, die geschlossene Guard. Die Vorzüge dieser Position ließen sie zu einem Kernelement des Gracie Jiu-Jitsu werden. Im legendären Kampf Royce Gracie gegen Dan Severn in der UFC 4 sowie in der Begegnung Anderson Silva gegen Chael Sonnen eins zeigten sich die herausragenden Möglichkeiten.

Chael Sonnen vs Anderson Silva

Das Sport BJJ ist ein wichtiger Antrieb für Innovation im Grappling und damit auch für das MMA. Der Unterschied zum MMA ist die Bewertung von Sweep  und Submission Versuchen mit Punkten. Als Konsequenz hat sich das Spiel mit einer offenen Guard bewährt, schätzungsweise 60-70% der Begegnungen finden in der Guard statt, so wurden die Sportler in dieser Position immer stärker. Es entwickelten sich Variationen wie die: Deep Half, Inverted, Butterfly oder 50/50 Guard.

Diesem Trend zum Trotz hat sich das Blatt im MMA im Jahre 2013 gewendet. Kämpfe werden signifikant weniger mit Aufgabegriffen gewonnen. Große Namen des BJJ haben zunehmend Probleme ihre Fähigkeiten im Oktagon umzusetzen. Prominentes Beispiel für einen hochdekorierten BJJ Kämpfer ist Vinny Magalhaes, seine Fähigkeiten im Grappling sind herausragend, der Erwartung mit seinen Waffen auch im Oktagon erfolgreich zu sein konnte Magalhaes jedoch nicht gerecht werden. Gleiches gilt für Roger Gracie der von Tim Kennedy in seiner stärksten Domäne vorgeführt wurde.

Roger Gracie

Wie konnte sich BJJ zu etwas entwickeln das sich mehr und mehr vom brutalen Kampf Mann gegen Mann entfernte?

Die Antwort erscheint einfach, durch die Abwesenheit von Schlag-und Tritttechniken wird diesem Aspekt im Sport BJJ keine Bedeutung beigemessen. Die Guard ist auf den Schutz der Beine ausgelegt, der Kopf welcher ein wesentlich sensibleres Ziel darstellt bleibt ohne den notwendigen Schutz. Deshalb ist diese Position in einer realen Auseinandersetzung mit einem Angreifer der sich darauf versteht mit Schlagtechniken umzugehen ein echtes Problem.

Im MMA wird dieser fundamentale Unterschied zum Sport BJJ von den Athleten rigoros ausgenutzt. Zwei Faktoren sprechen hier vehement gegen die offene Guard. Sobald die Guard offen verwendet wird, kann der Gegner die Position verlassen und versuchen von einem anderen Winkel seine Attacke zu starten. Die Bedrohung von Schlägen drängt den Sportler dazu wesentlich konservativer in seinen Bewegungsabläufen zu agieren. Die Notwendigkeit den Gegner aus der Bodenlage zu kontrollieren schränkt die Möglichkeit weiter ein. Es ist nicht gerade einfach fließend aus der offenen Guard zu arbeiten, wenn jeder Fehler mit harten Schlägen bestraft wird.

Ein Paradebeispiel war der Kampf zwischen Jon Jones und Brandon Vera, in dem Vera in der Guard durch eine Ellenbogen-Attacke von Jones ein Jochbeinbruch erlitt.

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Die beste Antwort auf die Guard hatten bis heute die Kämpfer mit einer fundierten Ausbildung im Ringen. Kämpfer wie: Tito Ortiz, Randy Couture, Jon Fitch und Chael Sonne sind alle samt Beispiele für Athleten die, durch ihre Fähigkeit Gegner in der Guard mit Schlägen zu attackieren, sich im oberen Drittel der Leistungsspitze halten konnten.

Carlson Gracie:

“Wenn man einem Schwarzgurt ins Gesichts schlägt wird er zu einem Lilagurt schlägt man ihn erneut wird er zu einem Blaugurt, atterkiert man ihn nochmal wird er zum Weißgurt.”

Als Lösungsansatz für das Problem wurde die Clinching Guard oder Rubber Guard entwickelt. Durch die Kontrolle der Haltung des Gegners soll sichergestellt werden, dass man sich selbst außerhalb der Schlagdistanz befindet. Das bedeutet, man befindet sich entweder sehr dicht am Körper oder bewegt sich in eine Sicherheitszone vom Gegner entfernt. Ob man nun in der Guard oder im Stand den Clinch sucht bleiben die Tatsachen die gleichen, man versucht zu vermeiden getroffen zu werden, nur werden die vertikale gegen die horizontale ausgetauscht.

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Aber ist dieser Ansatz wirklich neu? Schaut man sich die Kämpfe von Royce Gracie noch einmal genau an, erscheint der Ansatz des Clinchens nicht wirklich bahnbrechend. Royce versuchte stehst die Kontrolle über die Körperhaltung seiner Gegner zu gewinnen. Konnten diese sich aus der Guard aufrichten musste Royce mit harten Schlägen dafür bezahlen (die Kämpfe von Keith Hackney & Kimo Leopoldo sind gute Beispiele). Besonders gut konnte Royce den Clinch gegen Dan Severn für sich nutzen, durch die dichte Kontrolle verhinderte er verheerende Schläge zu kassieren und war gleichzeitig dazu in der Lage den Sieg aus dem Clinch vorzubereiten.

Stellte das MMA zu beginn noch eine Mischung aus unterschiedlichen Disziplinen dar, entwickelte es sich zu einem vollständigen System das seine Einzelteile bei weitem übertrifft. Was das Grappling betrifft sind Ausgabegriffe aus der Oberlage wie etwa Guillotine und Rear Naked Choke, oder Knee-bar sowie der Kimura  gefährliche Waffen die im modernen MMA eine wichtige Rolle spielen.

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The Dolce Diet

Im MMA-Sport hat sich das Kampfgewicht zu einem wichtigen Faktor entwickelt. Das Körpergewicht vor dem Wiegen zu manipulieren ist eine komplexe Angelegenheit. Beschäftigt man sich mit den unterschiedlichen Möglichkeiten, stößt man immer wieder auf einen Namen – Mike Dolce. Im Folgenden sollen die wesentlichen Aspekte der Dolce Diet für den Durchschnittsbürger vorgestellt werden.

#Mike Dolce ist im Breitensport mit drei Produkten vertreten:

  • 3 Weeks To Shredded: Eine Anleitung für den gezielten Gewichtsverlust innerhalb von drei Wochen.
  • Living Lean: Umfangreiche Ernährungsform die es ermöglicht den Körperfettanteil konstant im Bereich von 8-12% zu halten.
  • UFC Fit: Sportübungen kombiniert mit einem Ernährungsplan auf der Grundlage von Living Lean und 3 weeks to shredded.[1]

#Grundlagen:

Als Verfechter einer langen Lebensdauer ist der Zugang für jeden Menschen unabhängig von seiner Ernährungsform möglich. Das bedeutet sowohl Vegetarier und Veganer sowie Low-Carb Anhänger als auch Menschen mit einer gewöhnlichen Ernährungsform können sich nach den Grundregeln richten.[2]

  1. Nimm nur Nährstoffe zu dir welche direkt von der Natur stammen.
  2. Iss bis du Befriedigung verspürst, nicht bis du dich satt gegessen hast.
  3. Die Nahrungsaufnahme sollte in konstanten Intervallen erfolgen, alle zwei bis vier Stunden, basierend auf der Grundlage welcher Tätigkeit man nachgegangen ist und welche Tätigkeit man anschließend ausüben wird.

# Ergänzungen:

  • Das Kernelement bildet die Zielsetzung (Zerlegung einer großen Aufgabe in kleine Einheiten) und die Verantwortung sich verpflichtend an die festgelegten Schritte zu halten.
  • So gut wie keine Nahrungsergänzungsmitteln sind notwendig. Wenn man etwas nicht jeden einzelnen Tag zu sich nehmen kann sollte man darauf verzichten.
  • Es gibt eine “verdiente Mahlzeit” den Zeitpunkt und den Abstand bestimmt man selbständig auf Grundlage der Zielsetzung. In einem vier Stunden Fenster kann man alles zu sich nehmen, was man will.
  • Kohlenhydrate sind ein Zusatz der die Mahlzeit ergänzt, wenn man genug geleistet hat.
  • Milchprodukte werden nur in geringen Mengen zu sich genommen.
  • Die Wochenausgaben belaufen sich auf ca. 38€ (50$) für einen durchschnittlichen Erwachsenen. [3]

#Beispiel für ein Gericht aus der Dolce Diet:

  • Chael’s tropical chicken

#Krafttraining

Mike Dolce vertritt den Standpunkt, dass ein Zuwachs an Muskulatur am besten durch schwere Gewichte zu erzielen ist. Dabei setzt er wesentlich auf komplexe Bewegungsmuster wie Deadlift und Squat. Insgesamt also ein Push/Pull-System.

[3] http://themikedolceshow.com


Auswirkungen des Wettbewerbs auf die strategische Ausrichtung der Kämpfer

Auswirkungen des Wettbewerbs auf die strategische Ausrichtung der Kämpfer

Hector Lombard

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Als am 16. Juli 2013 die Nachricht publik wurde das Hector Lombard der ehemalige Bellator Mittelgewichts Champion vom Mittelgewicht ins Weltergewicht wechselt [1] zeigte sich einmal mehr das sich der MMA Sport in einem rasanten Tempo stetig  weiterentwickelt. Hector Lombard dem es möglich war im Mittelgewicht außerhalb der UFC starke Siege einzufahren konnte in der UFC mit einer 1-2 Bilanz nicht an seine vorherigen Leistung anknüpfen.

Deutlich zeigte es sich dieses gegen größere Gegner gegen die Lombard im Kräfteverhältnis unterlegen ist. Mit einer Größe von 1.75 m und 84 Kg Kampfgewicht sind seine Körperproportionen für explosive Kraft ausgelegt, aber der große Nachteil an all der Muskelmasse ist die entsprechend höhere  Sauerstoffversorgung ­– besonders in fünf Runden Kämpfen.[2]

Durchschnittsgewicht

Wenn man einen Blick zurück in die junge Vergangenheit des Sports wirft, erscheint der Wechsel in eine niedrigere Gewichtsklasse Lombards einem allgemeinen Trend zu folgen. Im laufe der Evolution des MMA stellt die Einführung von Gewichtsklassen einen prägnanten Einschnitt dar. Besonders in den letzten Jahren ist zu beobachten, das dass Durchschnittsgewicht der Athleten gesunken ist. Noch im Jahr 2005 waren die Kämpfer in allen Gewichtsklassen der UFC wesentlich schwerer.[3] Konnte man zu beginn für die meisten Kämpfe noch die Faustregel anwenden, Masse und Aggressivität bestimmen wesentlich den Ausgang einer Auseinandersetzung, so ist dieses Argument im modernen MMA nicht mehr entscheidend.

Die Coleman Ära

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Als Mark Coleman die UFC 10 gewann und anschließend bei der UFC 12 erster Schwergewichtschampion außerhalb des Turniermodus wurde, galten seine körperlichen Attribute und Fähigkeiten als Erfolgsformel. Der Fokus lag also darauf: der größte, stärkste und schmerzresistenteste Kämpfer zu werden und dieses Set mit guten Ringertechniken zu vervollständigen [in wie weit es auf natürlichem Weg möglich war körperliche Ausmaße wie von Mark Coleman oder Mark Kerr anzunehmen muss wohl offen bleiben].

Es war schließlich ein wesentlich leichterer Kämpfer Maurice Smith welcher den Status quo der Coleman Ära beendete. Smith war ein Standkämpfer, der im Lion’s Den von Ken- und Frank Shamrock eine solide Ausbildung in einfachen Bodentechniken bekommen hatte. Aus seiner aktiven Zeit im K-1 war Smith der Stellenwert einer leistungsstarken körperlichen Ausdauer bewusst.

Um seine Vorteile strategisch Nutzen zu können, provozierte Smith Coleman vor deren Kampf mit den Worten: “Coleman hat die Schlagkraft eines Waschweibs“. Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, Coleman von dieser Aussage emotional wie elektrisiert stürzte sich in voller Rage in den Kampf.

http://www.metacafe.com/watch/10078248/maurice_smith_vs_mark_coleman/

In der ersten Runde (damals noch Regelzeit) brachte Coleman Smith zu Boden und versuchte mit all seiner Kraft den Gegner mit ground and pound einzudecken. Smith konnte bedingt durch seine Ausbildung am Boden die Regelzeit in der Guard und Halfguard überstehen. Als die Verlängerung anbrach war Coleman bereits am Ende seiner Kräfte und konnte sein eigenes Körpergewicht kaum mehr aufrecht tragen. So wurde Coleman immer wieder mit Kombinationen angegriffen (meist ein Jab gefolgt von einem Low-Kick) Minute 22:36. [4]

Wenn im Jahr 2013 Hector Lombard die Gewichtsklasse wechselt ist es die gleiche Erkenntnis die Maurice Smith schon 1997 zu nutzen wusste. Entscheidend ist es eine optimale Kombination von Fähigkeiten mit einem Körpergewicht zu vereinen, mit dem Leistung konstant über die gesamte Dauer eines Kampfes umgesetzten werden kann.

Bantamgewicht

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In der Bantam Gewichtsklasse kann diese Entwicklung ebenfalls gut beobachtet werden, da die Gewichtsklasse sowohl von Frauen als auch von Männern geführt wird. So fällt auf, dass die Frauen bei weitem nicht die Grenzen des Gewichts ausnutzen. Der Grund für diesen Unterschied liegt darin das für Männer seit längerem die Möglichkeit besteht in diesem Gewichtslimit professionell zu kämpfen. Durch den Wettkampf hat sich eine höhere Leistungsdichte herausgebildet und der damit verbundene Leistungsdruck ist gestiegen.[5]

Die Betrachtung zeigt, dass der limitierende Faktor für die Athleten nicht das Kampfgewicht sondern vielmehr die Beherrschung von Fähigkeiten ist. Mit zunehmender Professionalisierung des Sports sind Vollzeit Athleten auf den Plan getreten welche in allen Disziplinen Fähigkeiten ausgebildet haben. Dabei ist man bestrebt ein optimales Verhältnis von Kraft, Ausdauer, und Fähigkeiten zu erlangen die der Körper konstant über die gesamte Dauer des Kampfes umsetzen kann.

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Ramon Dekkers – Weg des Kriegers

“Er kämpfte in ihrem Land unter ihren Regeln und siegte”

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Beschäftigt man sich mit dem Thaiboxen kommt man um einen Namen nicht herum, bis heute verkörpert der Holländer Ramon Dekkers wie kein anderer Kämpfer die Attribute: Aggression, rigoroses Durchsetzungsvermögen und die Bereitschaft ohne Rücksicht auf Verluste für einen K.O. über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen. Es war der natürliche Killerinstinkt gepaart mit enormer Schlagkraft der diesen Kämpfer die Aura des gnadenlosen Vollstreckers verlieh. Doch welche Strategien und Stärken sind es die die Zuschauer bis heute in Atem halten? In dem folgenden Artikel soll mit einem kritischen Blick auf die herausragenden Kämpfe  gegen die thailändische Elite zwischen 1990 und1997 analysiert werden welche Schlüsselelemente den Kampfstil auszeichneten.

Als der thailändische Promoter Songchai Ratanasuban im Februar 1990 für eine Kooperation mit dem niederländischen Fernsehen, mit einer Gruppe von Kämpfern nach Holland reiste, befand sich unter den Boxern der amtierende Lumpinee Champion Namphon Nongkee Pahuyuth. In Amsterdam angekommen, musste kurzfristig ein neuer Gegner für den Hauptkampf gefunden werden. Für den Promotor stellte der bis dahin im Profigeschäft völlig unbekannte Ramon Dekkers eine relativ gefahrlose Wahl da. So erhält Ramon Dekkers mit gerade einmal 21 Jahren und mit einem Kampfgewicht von 63,5 Kg die große Chance gegen einen der stärksten Gegner seiner Zeit anzutreten.

In diesem Kampf gelingt es Dekkers seine wesentlichen Attribute auszuspielen und mit seiner Schlagkraft den Kampf zu dominieren. In Runde eins (03:50-03:53) kommt Dekkers mit einer linken Geraden durch, setzt mit einem rechten Frontkick nach und schließt die Kombination mit einem linken Hacken zum Kopf ab. Die Überraschung ist perfekt, knapp 30 Sekunden vor Ende der Runde geht der Thailänder zu Boden und wird angezählt. In Runde zwei gelingt es Dekkers aus dem Rückwärtsgang mit einem linken Frontkick direkt ins Gesicht zu treffen (05:36-05:38). Allerdings Wirken die Clinch-Techniken noch unbeholfen, in dieser Distanz wird Dekkers klar dominiert. Dekkers Angriffe werden meist mit den Beinen vorbereitet und mit den Händen abgeschlossen, die Faustschläge sind in der Kombination noch zu unpräzise und verfehlen ihr Ziel häufig (07:29-07:32). Diese Schwäche ist attraktiv für Konterattacken, die ihre Wirkung genau in der Distanz die für Dekkers so unangenehme Knie-und Ellenbogenreichweite entfalten.

Die Grundzüge seines späteren Kampfverhaltens treten in diesem Kampf deutlich zum Vorschein. Dekkers ist dazu in der Lage unter hohem Druck absolut unnachgiebig den Gegner zur verfolgen und ihn zur vorzeitigen Aufgabe zu zwingen. Dabei bilden seine starken Trittfähigkeiten (besonders der Low-Kick) gepaart mit einer, für die Zeit und Gewichtsklasse nicht gekannten Dominanz der Fäuste das größte Überraschungsmoment. Durch die brutale Schlagwirkung ist es möglich Gegner in einer direkten Auseinandersetzung zu stellen und sie dazu zu zwingen die Verteidigung aufzugeben um den Knockout herbei zu führen.

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Durch die hohe Variationsvielfalt an Techniken und Distanzen im Muay Thai ist das Regelwerk mit seiner geringen Einschränkung für differenzierte Strategien interessant. Der Kampfverlauf ist in Thailand durch das Wetten in den ersten Runden abgeschwächt, diese Rahmenbedingungen waren für das Kampfverhalten von Ramon von Vorteil. Direkt mit dem Start des Kampfes übte er Druck aus und suchte das vorzeitige Ende, da er über die notwendigen Fähigkeiten verfügte, sein aggressives Kampfverhalten durchzusetzen stellte genau diese Strategie, den wesentlichen Überraschungsmoment dar. Hinzukommt, dass in der thailändischen Punktrichterbewertung Fausttechniken nur eine untergeordnete Rolle spielen, weshalb die Gegner von Ramon anfangs noch unvorbereitet auf seine Fähigkeiten reagierten.

Mit einem weiteren beindruckenden K.O. Sieg durch eine Schlagkombination gegen Cherry Sor Wanich nur einen Monat später im März 1990 in Amsterdam ist das Interesse an Ramon Dekkers endgültig geweckt. Dekkers erhält daraufhin die Einladung in Bangkok gegen die Elite der Gewichtsklasse zu kämpfen. In seinem Rückkampf gegen Namphon im März des gleichen Jahres kämpft er das erst mal nach full Muay Thai Rules. Für seine Kämpfe erhält Dekkers die Auszeichnung “Bester Muay Thai Kämpfer des Jahres 1990”. Herausragend in diesem Abschnitt sind in jedem Fall die vier Begegnungen mit Coban Locokchaomasaitong, von denen Dekkers nur die Zweite gewinnen konnte. Diese kann zweifelsohne als der Höhepunkt seiner Kariere angesehen werden. Im August 1991 gelingt es Dekkers Coban im Lumpinee Stadion in der ersten Runde mit einer seiner herausragenden Kombinationen (linker Haken zur Leber gefolgt von einem rechten Hacken zum Kopf und abgeschlossen mit einem linken Hacken ebenfalls zum Kopf) die Entscheidung herbeizuführen (05:19-05:24).

Insgesamt ist der Kampfrekord in dieser Zeit jedoch durchwachsen. Dafür gibt es zwei Gründe. Für einen Ausländer ist es in Thailand wesentlich schwerer eine Punktentscheidung zu erlangen (gut zu sehen im zweiten Namphon Kampf) zum anderen hatte Dekkers einige Schwächen, in seinem Arsenal, die ihn immer wieder Kämpfe verlieren ließen. Die Thais waren dazu in der Lage sich auf Dekkers Schwächen einzustellen. Der Kampf gegen Sakmongkol Sitthichok zeigte die Schwachstellen in Ramon Dekkers Fähigkeiten auf.

Als Antwort auf die starken Hände und Beine versuchten die meisten Kämpfer Dekkers mit langen Kicks außerhalb der Reichweite zu halten, um anschließen den Abstand schnell zu verringern und im Clinch mit Ellenbogen nach zu setzen um Dekkers zu dominieren (Runde 2 05:47-05:52). Durch den konstanten Druck den Dekkers in seinen Kämpfen aufrecht hielt, um entschlossen den K.O. herbeizuführen bewegte er sich ständig mit der Gefahr ausgekontert zu werden, oder direkt in Attacken des Gegners zu laufen. Im  Kampf gegen Sakmongkol (08:21-08:31) wird dieses gut sichtbar.

Besonders Ellenbogen wurden zunehmend zu einem Problem auf das Dekkers keine wirkungsvolle Antwort hatte. 1993 gelingt es Chanoy Pon Tawee Dekkers so stark zu cutten das seine Trainer Sekundenkleber verwenden müssen um die Wunde zu schließen.

Ende

Ausgelöst durch eine Infektion in Thailand, wird Dekkers Knochengewebe angegriffen. Sein rigoroser Stil alle Attacken immer mit voller Kraft auszuführen hatten über die Jahre das Gewebe stark belastet. Die Folgen sind so drastisch, dass Dekkers einige Zeit damit rechnen muss, ein Bein zu verlieren. Eine weitere Verletzung der rechten Hand schränkt Dekkers bald noch mehr in seiner Mobilität ein.

In den Jahren 1994/95 unterzieht sich Dekkers insgesamt sechs Operationen. Die Ärzte raten eindringlich dazu das Kämpfen nicht weiter zu verfolgen. Für Dekkers steht fest, dass er nur noch einen letzten Anlauf nehmen kann um seine Karriere zu beenden. Durch den Einschnitt seiner körperlichen Fähigkeiten ist Dekkers darauf angewiesen seinen Stil zu überarbeiten. Die Schmerzen im rechten Bein zwingen zu einem Wechsel in die Linksauslage: seine Bewegungsmuster werden dadurch entschieden Verändert. Von nun an stehen die Boxtechniken im Vordergrund jedoch kann Dekkers seinen Instinkt kaum bändigen und so werden die Schlagkombinationen unter starken Schmerzen von Tritten unterstützt. Eine weitere Folge der Verletzungen ist, dass Dekkers gleich zwei Gewichtsklassen aufsteigt. Ellenbogen, die Technik mit der Dekkers wohl am meisten Probleme hatte werden nun zu einer notwenigen Waffe in seinem Arsenal. Im Kampf gegen Saengtiennoi Sor. Ringrot 1997 ist wohl der letzte Höhepunkt in der veränderten Kampfausrichtung zu beobachten.

Der Stil von Ramon Dekkers wird von einem unstillbaren Verlangen bestimmt den Kampf vorzeitig zu beenden. Ständig im Vorwärtsgang ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit entschlossen alles auf eine Karte zu setzen dominiert Dekkers viele seiner Gegner. Diese aggressive Mentalität– der Killerinstinkt unterstützt durch seine enorme Schlagkraft in Beinen und Armen sind ausschlaggebend für die Faszination an dem Kämpfer Ramon Dekkers. Gegen die besten Muay Thai Kämpfer seiner Generation kann sich Dekkers seinen Platz in der Elite erkämpfen. Stellen seine herausragenden Fähigkeiten zu Beginn noch eine große Herausforderung dar, wird schon bald eine Strategie entwickelt wie seine Attribute bezwungen werden können. Indem Dekkers außerhalb der Reichweite gehalten wird, um anschließend schnell die Distanz zu überbrücken und im Clinch besonders mit akkuraten Ellenbogentechniken anzugreifen wird die Herausforderung Ramon Dekkers von der Eilte der Muay Thai Kämpfer gemeistert. So sind es Dekkers größte Stärken welche sich langfristig gegen ihn richten. Zum einen ist es der unnachgiebige Vorwärtsgang welcher ihn immer wieder in verheerende Situationen laufen lässt, als auch die enormen Kräfte mit denen die Techniken ausgeführt werden welche seinen Körper in einem hohen Tempo verschleißen lassen.

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Mit dem Jahr 1997 endet für Dekkers die Hochphase seiner Laufbahn, neben Kämpfen nach K-1- und MMA Regeln ging seine Karriere langsam dem Ende entgegen. Nach seiner aktiven Zeit war Dekkers als Trainer im Goldenglory Team tätig und konnte einige der heute großen Namen im Kickboxgeschäft auf ihre Karriere vorbereiten. Mit seinem plötzlichen Tod 2013 mit nur 44 Jahren wird die Frage unumgänglich inwieweit Dekkers seine körperlichen Fähigkeiten darauf verwendete in seinen Kämpfen all seine Lebensenergie auszuschöpfen.