Ramon Dekkers – Weg des Kriegers

“Er kämpfte in ihrem Land unter ihren Regeln und siegte”

ramon vs den muangsarin

Beschäftigt man sich mit dem Thaiboxen kommt man um einen Namen nicht herum, bis heute verkörpert der Holländer Ramon Dekkers wie kein anderer Kämpfer die Attribute: Aggression, rigoroses Durchsetzungsvermögen und die Bereitschaft ohne Rücksicht auf Verluste für einen K.O. über die eigenen Grenzen hinaus zu gehen. Es war der natürliche Killerinstinkt gepaart mit enormer Schlagkraft der diesen Kämpfer die Aura des gnadenlosen Vollstreckers verlieh. Doch welche Strategien und Stärken sind es die die Zuschauer bis heute in Atem halten? In dem folgenden Artikel soll mit einem kritischen Blick auf die herausragenden Kämpfe  gegen die thailändische Elite zwischen 1990 und1997 analysiert werden welche Schlüsselelemente den Kampfstil auszeichneten.

Als der thailändische Promoter Songchai Ratanasuban im Februar 1990 für eine Kooperation mit dem niederländischen Fernsehen, mit einer Gruppe von Kämpfern nach Holland reiste, befand sich unter den Boxern der amtierende Lumpinee Champion Namphon Nongkee Pahuyuth. In Amsterdam angekommen, musste kurzfristig ein neuer Gegner für den Hauptkampf gefunden werden. Für den Promotor stellte der bis dahin im Profigeschäft völlig unbekannte Ramon Dekkers eine relativ gefahrlose Wahl da. So erhält Ramon Dekkers mit gerade einmal 21 Jahren und mit einem Kampfgewicht von 63,5 Kg die große Chance gegen einen der stärksten Gegner seiner Zeit anzutreten.

In diesem Kampf gelingt es Dekkers seine wesentlichen Attribute auszuspielen und mit seiner Schlagkraft den Kampf zu dominieren. In Runde eins (03:50-03:53) kommt Dekkers mit einer linken Geraden durch, setzt mit einem rechten Frontkick nach und schließt die Kombination mit einem linken Hacken zum Kopf ab. Die Überraschung ist perfekt, knapp 30 Sekunden vor Ende der Runde geht der Thailänder zu Boden und wird angezählt. In Runde zwei gelingt es Dekkers aus dem Rückwärtsgang mit einem linken Frontkick direkt ins Gesicht zu treffen (05:36-05:38). Allerdings Wirken die Clinch-Techniken noch unbeholfen, in dieser Distanz wird Dekkers klar dominiert. Dekkers Angriffe werden meist mit den Beinen vorbereitet und mit den Händen abgeschlossen, die Faustschläge sind in der Kombination noch zu unpräzise und verfehlen ihr Ziel häufig (07:29-07:32). Diese Schwäche ist attraktiv für Konterattacken, die ihre Wirkung genau in der Distanz die für Dekkers so unangenehme Knie-und Ellenbogenreichweite entfalten.

Die Grundzüge seines späteren Kampfverhaltens treten in diesem Kampf deutlich zum Vorschein. Dekkers ist dazu in der Lage unter hohem Druck absolut unnachgiebig den Gegner zur verfolgen und ihn zur vorzeitigen Aufgabe zu zwingen. Dabei bilden seine starken Trittfähigkeiten (besonders der Low-Kick) gepaart mit einer, für die Zeit und Gewichtsklasse nicht gekannten Dominanz der Fäuste das größte Überraschungsmoment. Durch die brutale Schlagwirkung ist es möglich Gegner in einer direkten Auseinandersetzung zu stellen und sie dazu zu zwingen die Verteidigung aufzugeben um den Knockout herbei zu führen.

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Durch die hohe Variationsvielfalt an Techniken und Distanzen im Muay Thai ist das Regelwerk mit seiner geringen Einschränkung für differenzierte Strategien interessant. Der Kampfverlauf ist in Thailand durch das Wetten in den ersten Runden abgeschwächt, diese Rahmenbedingungen waren für das Kampfverhalten von Ramon von Vorteil. Direkt mit dem Start des Kampfes übte er Druck aus und suchte das vorzeitige Ende, da er über die notwendigen Fähigkeiten verfügte, sein aggressives Kampfverhalten durchzusetzen stellte genau diese Strategie, den wesentlichen Überraschungsmoment dar. Hinzukommt, dass in der thailändischen Punktrichterbewertung Fausttechniken nur eine untergeordnete Rolle spielen, weshalb die Gegner von Ramon anfangs noch unvorbereitet auf seine Fähigkeiten reagierten.

Mit einem weiteren beindruckenden K.O. Sieg durch eine Schlagkombination gegen Cherry Sor Wanich nur einen Monat später im März 1990 in Amsterdam ist das Interesse an Ramon Dekkers endgültig geweckt. Dekkers erhält daraufhin die Einladung in Bangkok gegen die Elite der Gewichtsklasse zu kämpfen. In seinem Rückkampf gegen Namphon im März des gleichen Jahres kämpft er das erst mal nach full Muay Thai Rules. Für seine Kämpfe erhält Dekkers die Auszeichnung “Bester Muay Thai Kämpfer des Jahres 1990”. Herausragend in diesem Abschnitt sind in jedem Fall die vier Begegnungen mit Coban Locokchaomasaitong, von denen Dekkers nur die Zweite gewinnen konnte. Diese kann zweifelsohne als der Höhepunkt seiner Kariere angesehen werden. Im August 1991 gelingt es Dekkers Coban im Lumpinee Stadion in der ersten Runde mit einer seiner herausragenden Kombinationen (linker Haken zur Leber gefolgt von einem rechten Hacken zum Kopf und abgeschlossen mit einem linken Hacken ebenfalls zum Kopf) die Entscheidung herbeizuführen (05:19-05:24).

Insgesamt ist der Kampfrekord in dieser Zeit jedoch durchwachsen. Dafür gibt es zwei Gründe. Für einen Ausländer ist es in Thailand wesentlich schwerer eine Punktentscheidung zu erlangen (gut zu sehen im zweiten Namphon Kampf) zum anderen hatte Dekkers einige Schwächen, in seinem Arsenal, die ihn immer wieder Kämpfe verlieren ließen. Die Thais waren dazu in der Lage sich auf Dekkers Schwächen einzustellen. Der Kampf gegen Sakmongkol Sitthichok zeigte die Schwachstellen in Ramon Dekkers Fähigkeiten auf.

Als Antwort auf die starken Hände und Beine versuchten die meisten Kämpfer Dekkers mit langen Kicks außerhalb der Reichweite zu halten, um anschließen den Abstand schnell zu verringern und im Clinch mit Ellenbogen nach zu setzen um Dekkers zu dominieren (Runde 2 05:47-05:52). Durch den konstanten Druck den Dekkers in seinen Kämpfen aufrecht hielt, um entschlossen den K.O. herbeizuführen bewegte er sich ständig mit der Gefahr ausgekontert zu werden, oder direkt in Attacken des Gegners zu laufen. Im  Kampf gegen Sakmongkol (08:21-08:31) wird dieses gut sichtbar.

Besonders Ellenbogen wurden zunehmend zu einem Problem auf das Dekkers keine wirkungsvolle Antwort hatte. 1993 gelingt es Chanoy Pon Tawee Dekkers so stark zu cutten das seine Trainer Sekundenkleber verwenden müssen um die Wunde zu schließen.

Ende

Ausgelöst durch eine Infektion in Thailand, wird Dekkers Knochengewebe angegriffen. Sein rigoroser Stil alle Attacken immer mit voller Kraft auszuführen hatten über die Jahre das Gewebe stark belastet. Die Folgen sind so drastisch, dass Dekkers einige Zeit damit rechnen muss, ein Bein zu verlieren. Eine weitere Verletzung der rechten Hand schränkt Dekkers bald noch mehr in seiner Mobilität ein.

In den Jahren 1994/95 unterzieht sich Dekkers insgesamt sechs Operationen. Die Ärzte raten eindringlich dazu das Kämpfen nicht weiter zu verfolgen. Für Dekkers steht fest, dass er nur noch einen letzten Anlauf nehmen kann um seine Karriere zu beenden. Durch den Einschnitt seiner körperlichen Fähigkeiten ist Dekkers darauf angewiesen seinen Stil zu überarbeiten. Die Schmerzen im rechten Bein zwingen zu einem Wechsel in die Linksauslage: seine Bewegungsmuster werden dadurch entschieden Verändert. Von nun an stehen die Boxtechniken im Vordergrund jedoch kann Dekkers seinen Instinkt kaum bändigen und so werden die Schlagkombinationen unter starken Schmerzen von Tritten unterstützt. Eine weitere Folge der Verletzungen ist, dass Dekkers gleich zwei Gewichtsklassen aufsteigt. Ellenbogen, die Technik mit der Dekkers wohl am meisten Probleme hatte werden nun zu einer notwenigen Waffe in seinem Arsenal. Im Kampf gegen Saengtiennoi Sor. Ringrot 1997 ist wohl der letzte Höhepunkt in der veränderten Kampfausrichtung zu beobachten.

Der Stil von Ramon Dekkers wird von einem unstillbaren Verlangen bestimmt den Kampf vorzeitig zu beenden. Ständig im Vorwärtsgang ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit entschlossen alles auf eine Karte zu setzen dominiert Dekkers viele seiner Gegner. Diese aggressive Mentalität– der Killerinstinkt unterstützt durch seine enorme Schlagkraft in Beinen und Armen sind ausschlaggebend für die Faszination an dem Kämpfer Ramon Dekkers. Gegen die besten Muay Thai Kämpfer seiner Generation kann sich Dekkers seinen Platz in der Elite erkämpfen. Stellen seine herausragenden Fähigkeiten zu Beginn noch eine große Herausforderung dar, wird schon bald eine Strategie entwickelt wie seine Attribute bezwungen werden können. Indem Dekkers außerhalb der Reichweite gehalten wird, um anschließend schnell die Distanz zu überbrücken und im Clinch besonders mit akkuraten Ellenbogentechniken anzugreifen wird die Herausforderung Ramon Dekkers von der Eilte der Muay Thai Kämpfer gemeistert. So sind es Dekkers größte Stärken welche sich langfristig gegen ihn richten. Zum einen ist es der unnachgiebige Vorwärtsgang welcher ihn immer wieder in verheerende Situationen laufen lässt, als auch die enormen Kräfte mit denen die Techniken ausgeführt werden welche seinen Körper in einem hohen Tempo verschleißen lassen.

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Mit dem Jahr 1997 endet für Dekkers die Hochphase seiner Laufbahn, neben Kämpfen nach K-1- und MMA Regeln ging seine Karriere langsam dem Ende entgegen. Nach seiner aktiven Zeit war Dekkers als Trainer im Goldenglory Team tätig und konnte einige der heute großen Namen im Kickboxgeschäft auf ihre Karriere vorbereiten. Mit seinem plötzlichen Tod 2013 mit nur 44 Jahren wird die Frage unumgänglich inwieweit Dekkers seine körperlichen Fähigkeiten darauf verwendete in seinen Kämpfen all seine Lebensenergie auszuschöpfen.

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