Das BJJ-Dilemma im MMA

Roberto Cyborg Abreu vs Brendan Schaub

Zu Beginn der 1990er Jahre entwickelte der Werbefachmann Art Davie zusammen mit Rorion Gracie das Konzept eines Acht-Mann-KO-Turniers, welches später unter dem Namen Ultimate Fighting Championship in die Geschichte einging. Die Grundidee war es verschiedene Kampfsportarten gegeneinander antreten zu lassen. Die faszinierende Frage dabei: welcher Stile würde sich als Königsweg erweisen? Welche Techniken die ultimative Waffe in einer Auseinandersetzung sein? Als Royce Gracie in seinen ersten Kämpfen das Feld dominierte entstand der Eindruck; wenn man sich einmal mit einem BJJ Kämpfer auf den Boden begeben hat, ist man den überlegenen Techniken schonungslos ausgeliefert. Der Name des dominanten all umfassenden Systems trug fortan den Namen – Gracie Jiu-Jitsu.

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In den folgenden Jahren entstand eine stetig wachsende Nachfrage, BJJ entwickelte sich in den U.S.A zu einer beliebten Sportart. Das Training für einen MMA Kampf wurde zeitweilig mit den Fähigkeiten des BJJ gleichgesetzt. Über die Jahre entwickelte sich eine regelrechte Subkultur um das Grappling, dieser Entwicklung entsprechend erhöhte sich das Wettbewerbsniveau sprunghaft. Heute zeigen Sportler auf ADCC Veranstaltungen Techniken, die für ihre  Vorgängergeneration wohl nur in der Vorstellung möglich waren.

Schenkt man der Geschichte glauben so wurde Jiu-Jitsu ursprünglich für kleine schmale Individuen entwickelt, um sich durch Wissen über Technik und Hebelwirkung gegen größere, stärkere Aggressoren durchzusetzen. Der Begründer des Gracie Jiu-Jitsu, Helio Gracie folgte ebenfalls diesem Vorbild. Das wesentliche Merkmal seines Stiles war es sich aus der Rückenposition verteidigen zu können, auch und besonders als physisch schwächerer Kämpfer.

In seinem Kampf gegen Waldemar Santana  verbrachte er die meiste Zeit in der bevorzugten Position, die geschlossene Guard. Die Vorzüge dieser Position ließen sie zu einem Kernelement des Gracie Jiu-Jitsu werden. Im legendären Kampf Royce Gracie gegen Dan Severn in der UFC 4 sowie in der Begegnung Anderson Silva gegen Chael Sonnen eins zeigten sich die herausragenden Möglichkeiten.

Chael Sonnen vs Anderson Silva

Das Sport BJJ ist ein wichtiger Antrieb für Innovation im Grappling und damit auch für das MMA. Der Unterschied zum MMA ist die Bewertung von Sweep  und Submission Versuchen mit Punkten. Als Konsequenz hat sich das Spiel mit einer offenen Guard bewährt, schätzungsweise 60-70% der Begegnungen finden in der Guard statt, so wurden die Sportler in dieser Position immer stärker. Es entwickelten sich Variationen wie die: Deep Half, Inverted, Butterfly oder 50/50 Guard.

Diesem Trend zum Trotz hat sich das Blatt im MMA im Jahre 2013 gewendet. Kämpfe werden signifikant weniger mit Aufgabegriffen gewonnen. Große Namen des BJJ haben zunehmend Probleme ihre Fähigkeiten im Oktagon umzusetzen. Prominentes Beispiel für einen hochdekorierten BJJ Kämpfer ist Vinny Magalhaes, seine Fähigkeiten im Grappling sind herausragend, der Erwartung mit seinen Waffen auch im Oktagon erfolgreich zu sein konnte Magalhaes jedoch nicht gerecht werden. Gleiches gilt für Roger Gracie der von Tim Kennedy in seiner stärksten Domäne vorgeführt wurde.

Roger Gracie

Wie konnte sich BJJ zu etwas entwickeln das sich mehr und mehr vom brutalen Kampf Mann gegen Mann entfernte?

Die Antwort erscheint einfach, durch die Abwesenheit von Schlag-und Tritttechniken wird diesem Aspekt im Sport BJJ keine Bedeutung beigemessen. Die Guard ist auf den Schutz der Beine ausgelegt, der Kopf welcher ein wesentlich sensibleres Ziel darstellt bleibt ohne den notwendigen Schutz. Deshalb ist diese Position in einer realen Auseinandersetzung mit einem Angreifer der sich darauf versteht mit Schlagtechniken umzugehen ein echtes Problem.

Im MMA wird dieser fundamentale Unterschied zum Sport BJJ von den Athleten rigoros ausgenutzt. Zwei Faktoren sprechen hier vehement gegen die offene Guard. Sobald die Guard offen verwendet wird, kann der Gegner die Position verlassen und versuchen von einem anderen Winkel seine Attacke zu starten. Die Bedrohung von Schlägen drängt den Sportler dazu wesentlich konservativer in seinen Bewegungsabläufen zu agieren. Die Notwendigkeit den Gegner aus der Bodenlage zu kontrollieren schränkt die Möglichkeit weiter ein. Es ist nicht gerade einfach fließend aus der offenen Guard zu arbeiten, wenn jeder Fehler mit harten Schlägen bestraft wird.

Ein Paradebeispiel war der Kampf zwischen Jon Jones und Brandon Vera, in dem Vera in der Guard durch eine Ellenbogen-Attacke von Jones ein Jochbeinbruch erlitt.

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Die beste Antwort auf die Guard hatten bis heute die Kämpfer mit einer fundierten Ausbildung im Ringen. Kämpfer wie: Tito Ortiz, Randy Couture, Jon Fitch und Chael Sonne sind alle samt Beispiele für Athleten die, durch ihre Fähigkeit Gegner in der Guard mit Schlägen zu attackieren, sich im oberen Drittel der Leistungsspitze halten konnten.

Carlson Gracie:

“Wenn man einem Schwarzgurt ins Gesichts schlägt wird er zu einem Lilagurt schlägt man ihn erneut wird er zu einem Blaugurt, atterkiert man ihn nochmal wird er zum Weißgurt.”

Als Lösungsansatz für das Problem wurde die Clinching Guard oder Rubber Guard entwickelt. Durch die Kontrolle der Haltung des Gegners soll sichergestellt werden, dass man sich selbst außerhalb der Schlagdistanz befindet. Das bedeutet, man befindet sich entweder sehr dicht am Körper oder bewegt sich in eine Sicherheitszone vom Gegner entfernt. Ob man nun in der Guard oder im Stand den Clinch sucht bleiben die Tatsachen die gleichen, man versucht zu vermeiden getroffen zu werden, nur werden die vertikale gegen die horizontale ausgetauscht.

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Aber ist dieser Ansatz wirklich neu? Schaut man sich die Kämpfe von Royce Gracie noch einmal genau an, erscheint der Ansatz des Clinchens nicht wirklich bahnbrechend. Royce versuchte stehst die Kontrolle über die Körperhaltung seiner Gegner zu gewinnen. Konnten diese sich aus der Guard aufrichten musste Royce mit harten Schlägen dafür bezahlen (die Kämpfe von Keith Hackney & Kimo Leopoldo sind gute Beispiele). Besonders gut konnte Royce den Clinch gegen Dan Severn für sich nutzen, durch die dichte Kontrolle verhinderte er verheerende Schläge zu kassieren und war gleichzeitig dazu in der Lage den Sieg aus dem Clinch vorzubereiten.

Stellte das MMA zu beginn noch eine Mischung aus unterschiedlichen Disziplinen dar, entwickelte es sich zu einem vollständigen System das seine Einzelteile bei weitem übertrifft. Was das Grappling betrifft sind Ausgabegriffe aus der Oberlage wie etwa Guillotine und Rear Naked Choke, oder Knee-bar sowie der Kimura  gefährliche Waffen die im modernen MMA eine wichtige Rolle spielen.

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